Kohei Yoshiyuki
* 1946 in der Präfektur Hiroshima (jp), lebt und arbeitet in der Nähe von Tokio (jp)

Untitled
1971–1973
Aus der Serie Park
Silbergelatine-Abzüge, gerahmt

In den 1970er Jahren hat Kohei Yoshiyuki, eigentlich kommerzieller Fotograf, in Tokioter öffentlichen Parks eine Serie grobkörniger Schwarz-Weiß-Fotografien von Liebespaaren und den ihnen folgenden Voyeuren aufgenommen. Alle 54 Fotos dieser Serie mit dem Titel The Park wurden nachts mit Infrarot-Blitzlicht aufgenommen, wobei das Kameraauge genau im toten Winkel des Gesichtsfeldes der Liebespaare positioniert war, so dass sie von den Aufnahmen nichts bemerkten. Im Ergebnis verweisen sie zurück auf den japanischen Holzdruck (Ukiyo-e), zu dessen traditionellen Motiven das Liebesspiel eines Paares in Anwesenheit von Beobachtern gehört.
Einige der Fotografien entstanden im Chuo Park in Shinjuku, jenem lauten, unübersichtlichen Stadtteil, der später als Vorlage für die Kulisse des Films Blade Runner (1982) bekannt wurde. Yoshiyuki hat die Liebesszenen und ihr heimliches Publikum ganz aus der Nähe fotografiert: Kleidung und Haut leuchten weiß im Blitzlicht, die Hochhäuser im Hintergrund verschwinden im Abstrakten, und die hell beleuchteten Voyeure wirken wie ertappt. Bevor Yoshiyuki die Liebespaare allerdings unbemerkt fotografieren konnte, musste er erst das Vertrauen der Voyeure gewinnen und stellte fest, dass »der Akt des Fotografierens selbst irgendwie voyeuristisch ist«. Der Betrachter wiederum wird zum Komplizen des Fotografen und damit zu einem weiteren heimlichen Beobachter von Szenen, die sich dem öffentlichen Blick entziehen wollten. Bei der ersten Ausstellung der Serie 1979 wurden die Bedingungen im Park und die Rolle des in das Geschehen verwickelten Zuschauers simuliert: Die lebensgroßen Abzüge wurden im Dunkeln gezeigt, und die Besucher erhielten Taschenlampen, in deren Schein sie sie betrachteten. Yoshiyukis Bilder haben Vorläufer in der Geschichte der Fotografie: Sie erinnern etwa an die des New Yorker Fotografen Weegee, der sich küssende Paare in Kinos und Schauplätze von Verbrechen fotografierte. In beiden Fällen wirken die Bilder wie Beweisfotos – Indizien für die Verstrickungen von Begierden, den Exhibitionismus und das angespannte Geschlechterverhältnis in einer modernisierten Gesellschaft.