Susanne M. Winterling
geb. 1970 in Rehau (de), lebt und arbeitet in Berlin (de)

Eileen Gray, the jewel and troubled water
2008, 2-teilige Installation, 2 16-mm-Filme, ca. 3 Min., Farbe, ohne Ton, Loop; 1 Fotocollage, gerahmt, 40 x 50 cm; 7 Fotografien, gerahmt, je 20 x 30 cm; 1 Objekt aus verschiedenen Materialien, gerahmt; 2 Skulpturen, je 40 x 50 x 30 cm, Postkarten

Die irische Designerin und Architektin Eileen Gray (1878–1979) steht im Mittelpunkt der neuen Installation von Susanne M. Winterling. Film, Fotocollagen und Recherchematerial verflechten sich zu einem komplexen Referenzsystem, das unterschiedliche Ideen der Moderne, aber auch geschlechterbestimmte Machtverhältnisse behandelt. Den Anstoß gab eine Anekdote über ein architektonisches Meisterwerk, das Haus maison en bord du mer E.1027, das Gray 1924–1928 für sich und Jean Badovici in Südfrankreich baute. Le Corbusier war von Grays Bau derart fasziniert, dass er ihn heimlich immer wieder besuchte und später sogar so weit ging, ungefragt eigene Wandgemälde dort anzubringen – darunter Darstellungen von nackten Frauen. Gray selbst verstand diesen »Vandalismus« als eine Art Vergewaltigung, insbesondere wegen ihrer so ganz anderen Vorstellungen von moderner Architektur: Le Corbusier arbeitete an einem universell einsetzbaren Modulsystem, während in Grays Denken architektonische Elemente individuell geprägte Merkmale und ähnliche Funktionen wie Teile des menschlichen Körpers hatten.
Winterling übernimmt Grays Ansatz, um ein anderes modernistisches Meisterwerk in Beschlag zu nehmen: Sie transformiert die beiden Garderobenbereiche der Neuen Nationalgalerie zu »Lungen« des Gebäudes und eignet sich die Architektur Mies van der Rohes künstlerisch an, ähnlich wie dies Le Corbusier mit dem Bau von Gray getan hat. Sie dekonstruiert den architektonischen Raum und bedient sich einer Vielzahl an Medien, um Diskontinuitäten in der (von Männern dominierten) Moderne zu reflektieren und aufzudecken. Das unregelmäßige Flackern von zwei 16-mm-Filmen in den umfunktionieren Garderoben verwandelt die kalte Struktur in atmende Wesen. Die endlos wiederholten Bilder zeigen das Kondenswasser auf den Glasscheiben der Neuen Nationalgalerie, das bei bestimmten thermischen Bedingungen entsteht – ein Beispiel für das Misslingen der gewollten Auflösung von Innen und Außen in einen Raum, der als architektonisch perfekt gedacht war.