Lili Reynaud-Dewar
* 1975 in La Rochelle (fr), lebt und arbeitet in Bordeaux (fr)

Les garçons sauvages
2008, 3 Skulpturen, Holz, Glass, Keramik, Leder, Spiegel, Stoff, Fotografien, Drucke, 165 x 45 x 170 cm; 180 x 45 x 170 cm; 195 x 45 x 170 cm

Lili Reynaud-Dewar beschreibt die Machart ihrer Skulpturen als archaisch: Sie produziert universelle Formen wie Kugeln, Kreise, Zylinder und Pyramiden aus einfachem bis zur Schwärze angebrannten oder lackierten Sperrholz. Ein wiederkehrendes Gestaltungsmittel sind das Rot, Grün und Gelb der Rastafari-Bewegung, die ganz deutlich ihren Abschied von Bezugnahmen auf die »High Art« und dem formalistischen Gebrauch von Farbe signalisieren. Gegen die Errungenschaften der westlichen Moderne zu agieren war auch wichtige Motivation des 1980er Jahre Designkollektivs Memphis, das auf elementare Formen und knallige Farben setzte. Um den möglichen Gebrauch von Skulptur neu zu definieren, überträgt Reynaud-Dewar die Anti-Haltung von Memphis in die Kunst und mischt grafische Poster mit Referenzen aus der afroamerikanischen und weißen Popkultur, afrikanischer Religion und subkulturellen Performances. Variationen auf das bunte, figurative Bücherregal Carlton aus der Memphis-Zeit von Ettore Sottsass setzt die Künstlerin als Display für Keramiken oder Requisiten und als Performance-Kulisse ein. Außerdem dienen sie als Projektionsfläche für diverse abseitige Persönlichkeiten und der Untersuchung ihrer komplexen Identitätskonstruktionen. In ihrer Installation konzentriert sich Reynaud-Dewar auf zwei Ikonen schwuler Subkultur: Peter Berlin, Fotograf und Model, und Klaus Nomi, Opernsänger und New-Wave-Pionier – beide begannen ihre Karrieren in Berlin. Den exzentrischen Vorbildern werden Säulen gewidmet wie Totems, die Identitätsdesign anhand von angeeigneten Detailfotos vermitteln. Reynaud-Dewars improvisierte Altäre, komponiert aus auffälligen Posen im gegenwärtigen urbanen Alltagsbild, überführen die Selbstentwürfe der 1970er Jahre in eine aktuelle Praxis; umgestaltete modernistische Formen und Visionen der von ihnen unterdrückten kulturellen Kehrseite prallen aufeinander. Ergebnis ist ein eklektizistisches Repertoire an Selbstdarstellungskonzepten, die zum Widerstand gegen Konformismus und Zurückhaltung aufrufen.