Masist Gül
* 1947 in Istanbul (tr)
† 2003 in Istanbul

Banu Cennetoğlu
* 1970 in Ankara (tr), lebt und arbeitet in Istanbul (tr)

Philippine Hoegen
* 1970 in Kitzbühel (at), lebt und arbeitet in Amsterdam (nl)

Masist Gül

präsentiert von Banu Cennetoğlu und Philippine Hoegen
22. Mai - 8. Juni 2008
Künstlerbücher, Gemälde und Dokumente von und über Masist Gül

Masist Gül war unter anderem Bodybuilder, Dichter und Maler, auch wenn er hauptsächlich als türkischer Schauspieler armenischer Herkunft in Erinnerung bleibt, der während seines Lebens kleinere Rollen in über dreihundert Filmen spielte. Er hinterließ eine Vielzahl von Collagen, Zeichnungen und Gedichten, das meiste davon nach wie vor völlig unbekannt. Das ambitionierteste Werk des Autodidakten ist Kaldırım Destanı – Kaldırımlar Kurdunun Hayatı (Rinnsteinmythen – Das Leben des Rinnsteinwolfs), eine sechsteilige Fortsetzungsgeschichte im Stil eines handgefertigten Comicbuches, die in den 1980er Jahren entstand, zu Lebzeiten Güls jedoch niemals publiziert wurde. Jeder dieser sechs Bände beginnt mit einer Art Gedicht, in dem die Handlung – immer Geschichten vom Kampf zwischen Gut und Böse – zusammengefasst wird. Der Zyklus, dessen letzter Band unvollendet blieb, schildert in Erinnerungssequenzen die Geschichte von Kaldırım Fahri (Rinnstein-Fahri) und verwebt diese Rückblicke zu einem Narrativ, das sich über den Zeitraum von 1905 bis 1978 erstreckt: von der Kindheit Fahris in den Klauen einer bösen Hexe bis zur  Bezwingung der Hexe und Fahris Aufstieg von der Kanalratte zum Rinnsteinwolf, dem Beschützer der Armen und Ausgestoßenen.
Güls Rinnsteinmythen wurden 2006 von Banu Cennetoğlus Künstlerprojekt BAS und Philippine Hoegen in ihrer gemeinsamen Künstlerbuchreihe Bent in Istanbul als Faksimile zum ersten Mal öffentlich zugänglich gemacht und so vor dem Vergessen bewahrt. Cennetoğlu und Hoegen präsentieren Güls Comics mit Kunstwerken, Notizbüchern und anderen Objekten aus seinem Nachlass und schaffen so ein Environment, in dem Güls Fiktionen von Kindheitstraumata, Ausgestoßensein, Einsamkeit und Rache auf seine eigene Geschichte als Schauspieler und Künstler treffen. Die vielfältigen Bezüge zwischen den Rinnsteinmythen und der Person Güls werden sichtbar, und die Verfahren der Konstruktion von Identität geraten dort in den Blick, wo die Grenzen zwischen Gül und dem Rinnsteinwolf durch die ihnen gemeinsame Bodybuilder-Physis und Beschützerfunktion verwischen.