Cyprien Gaillard
* 1980 Paris (fr), lebt und arbeitet in Paris (fr)

Le canard de Beaugrenelle
2008, Bronze, Beton, 200 × 150 × 200 cm
(Neue Nationalgalerie)

The Arena and the Wasteland
2008, Lichtinstallation mit Scheinwerfern, Maße variabel
(Skulpturenpark Berlin_Zentrum)

Ein wiederkehrendes Motiv in den Arbeiten von Cyprien Gaillard bilden für heutige Stadtlandschaften charakteristische Paradoxe. Seine Videoarbeiten, (gefundenen oder in Auftrag gegebenen) Gemälde, Fotos, überarbeiteten Radierungen und performativen Land-Art-Projekte präsentieren häufig veraltete Wohnsiedlungen wie Figuren in einem sich in idyllischer Umgebung abspielenden Drama und vermitteln die Vision eines beinahe apokalyptischen Verfalls. In seinen Darstellungen imposanter, doch ausgedienter architektonischer Relikte und in seinen destruktiven Interventionen, mit denen er idyllische Kulissen verwüstet, hebt Gaillard eine Dialektik der Landschaft hervor. Seit Jahren verfolgt der Künstler den Abriss und die geplante Sanierung des spätmodernen sozialen Wohnungsbauprojekts »Beaugrenelle«, einer Hochhaussiedlung am Seine-Ufer im Pariser 15. Arrondissement. Dabei gilt seine Aufmerksamkeit der Bronzeskulptur einer mit ausgebreiteten Flügeln zum Abheben ansetzenden Ente aus den 1970er Jahren, die als Symbol den Stadtteilbewohnern anscheinend Mut machen sollte. Mit Le canard de Beaugrenelle wollte Gaillard das Denkmal vor dem langsamen Verfall im Rahmen der Standortsanierung »bewahren« und veränderte gleichzeitig dessen symbolisches Potenzial, indem er die französischen Kommunalbehörden um die Genehmigung bat, die Ente nach Berlin reisen und auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie wieder aufstellen zu lassen. Gaillards Geste der Überführung jenes absurd massigen und kaum zu bewegenden Vogels – ein unerwünschtes Geschenk einer gescheiterten Stadtteilgemeinde an den Weltarchitektur-Kontext des geheiligten an das Museum angrenzenden Plateaus – bildet einen herben Kommentar zu den Erfolgen und Misserfolgen architektonischer Utopien der Moderne. Die »lahme Ente« inmitten »redlicher« Kunst und Architektur wird somit zu einem neuen Symbol und Symptom der abgewirtschafteten Ideale des sozialen Wohnungsbaus der 1960er und 1970er Jahre und der Politik der Kunst im öffentlichen Raum oder, um Gaillard zu zitieren, zu einem aktuellen »Nicht-Ort«.

Mit seiner Arbeit The Arena and the Wasteland stellt Gaillard ein leeres Stück Land des Skulpturenpark Berlin_Zentrum zur Schau, indem er Fluchtlichtmasten kreisförmig auf dem freien Gelände positioniert hat. Wenn das befremdlichirritierende, blendend-grelle Licht des Nachts aus keinem ersichtlichen Grund zur Beleuchtung keines ersichtlichen Ereignisses eingeschaltet wird, erhellt es die Mischung aus Nachkriegstrümmern, Unkraut, Erde und Abfällen auf dem flachen Grund – ein horizontales Pendant zu nächtlich angestrahlten Denkmälern. Indem er die Nacht buchstäblich zum Tag macht, huldigt Gaillard – ungeachtet der Uhrzeit – einer »Oase« inmitten einer Wüste aus gescheiterter Architektur westdeutscher Wohnungsbauprojekte der 1950er Jahre, DDR-Plattenbauten und neuen Bürogebäuden, Resultaten jüngster Investitionen in dieses Gebiet. Ob ein- oder ausgeschaltet, die emporragenden skulpturenhaften Masten lenken die Aufmerksamkeit auf den temporären, heute noch unberührten »Grund« möglicher Bodenspekulation, und zwar so, als jubelten konventionelle Monumente vergangenen Zeiten zu. Gaillards Lichtarchitekturarena beschwört die frühere (menschen-)feindliche Funktion des Areals als grell erleuchteter Todesstreifen der Berliner Mauer herauf und lädt die späten (örtlichen) Besucher ein, ein Feld ungewisser Düsternis, das nun beleuchtet ist, zu betreten.