Manon de Boer
* 1966 in Kodaikanal (in), lebt und arbeitet in Brüssel (be)

Two Times 4'33"
2007/2008, 35-mm-Film übertragen auf HD, 10 Min., Farbe, Ton (Dolby Surround®)

Mit viel Feingefühl und Bedacht führt Manon de Boers filmische Kunst den Betrachter immer wieder an die Bruchlinie zwischen Klang und Bild. Die langsamen Schnitte ihres analogen Films, unterlegt mit einem durchdringenden, oft losgelösten Soundtrack, verweisen auf ihre konsequente Beschäftigung mit der heutigen Resonanz auf die Nachkriegs-Avantgarde. Inspiriert von Chris Marker und Marguerite Duras, vor allem von Duras’ Experimenten mit Voice-over und Ton, konzentriert sich de Boer in ihren filmischen Personenporträts immer wieder auf den unsynchronisierten Soundtrack und andere komplexe Klang-Beziehungen. Für Two Times 4’33’’ inszenierte und filmte de Boer zwei Konzerte von John Cages berüchtigter stummer Musikkomposition in drei Sätzen 4’33’’ (1952). Die erste Hälfte des zweiteiligen 35-mm-Films fängt den »natürlichen« Klang und das Bild der Performance ein, die Kamera ist auf den Avantgarde-Pianisten Jean-Luc Fafchamps gerichtet. Die Akustik wirkt pantomimisch auf den Betrachter ein: die Schritte des hereinkommenden Pianisten, das Markieren der »stummen« Abschnitte durch eine Schachuhr, der Applaus am Ende. In der zweiten Hälfte des Films wird der kontextuelle Soundtrack weggelassen, eine Tatsache, die umso spürbarer ist, als die Kamera langsam auf das Konzertpublikum schwenkt und auf eine windige Außenszenerie, die während der ersten Version der Performance zu hören war. Die stumme Stille wird nur vom Ticken einer Uhr gestört; die taube zweite Hälfte von de Boers Film scheint das Publikum im Vorführraum von Cages »Musik« auszuschließen. Oder vielleicht beginnt das Konzert erst in dem Moment, da die intime (körperliche) Gegenwart und die Umgebungsgeräusche in der Blackbox des Films das Publikum in die »Performance« verwandeln? So oder so, den Zuschauer mit dem akustisch tauben visuellen Flow zu konfrontieren stellt die Wahrnehmung eines vom Klang getrennten Films in Frage – und damit das Wesen der cinematografischen Klang-Bild-Hierarchie.